Papa, geht es dir gut?
Du gefällst mir nicht. Lass uns sofort zum Arzt fahren.
Ich weiß noch genau, warum ich das sagte. Diese gelben Augen. Ich hatte sie das letzte Mal bei meiner Mutter gesehen, drei Wochen bevor sie starb. Nun, im Februar 2012, sah ich sie wieder bei meinem Vater. Und in diesem Moment war mir klar:
Bald steht kein Stein mehr auf dem anderen.
Wir hatten schon vieles gemeinsam durchgestanden. Die künstliche Hüfte. Eine schwierige Augen-OP. Mehrere Stent-Operationen. Mein Vater war tapfer gewesen, zuverlässig, ruhig. Er hatte sich immer auf mich verlassen. Vielleicht auch deshalb, weil ich durch meine Zeit im Krankenhaus einige Erfahrung mitbrachte.
Aber diesmal war es anders. Diesmal lautete die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ein Begriff, den man hört und dabei sofort spürt wie der Boden unter den Füßen wegbricht.
Die Ärzte sprachen von einer äußerst aggressiven Erkrankung, von einer sehr begrenzten Zeit. Acht Monate, wenn sofort operiert würde. Diagnose, OP-Vorbereitung, Operation: Alles musste schnell gehen. Und während dort noch Termine, Befunde und Entscheidungen liefen, begann bei uns zu Hause längst das Improvisieren. Eine Schlafgelegenheit im Wohnzimmer. Unser kleines Gäste-WC mit Dusche war eine kleine Lösung. Papa hatte kaum noch Kraft. Ich stellte mich mit ihm in die Dusche, wir machten das gemeinsam.
Es war eine intensive Woche, bis ich ihn in die Reha bringen konnte. Ich fuhr jeden Tag zu ihm, 180 Kilometer einfach. Der Sozialdienst drückte mir bei der Entlassung zwei Flyer in die Hand. Mehr nicht. Es war klar: Nach Hause konnte er nicht. Zu Hause wartete niemand auf ihn. Er lebte in Scheidung von seiner zweiten Frau. Also kam er wieder zu uns.
Von da an gehörten Rollator, Training und Organisation zu unserem Alltag. Täglich ein bisschen mehr Beweglichkeit, ein bisschen mehr Würde, ein bisschen mehr Lebensqualität. Dann die adjuvante Chemotherapie. Und erstaunlicherweise machte er Fortschritte. Für eine kurze Zeit gewann er wirklich etwas Lebensqualität zurück. Er war stolz darauf. Er sagte zu seinen Freunden, ohne seinen Sohn würde er nicht mehr leben. Dabei war es nicht nur meine Leistung. Es war gemeinsame Kraft. Und zugleich forderte diese Zeit alles von mir.
Ich ging an Grenzen, die ich damals kaum benennen konnte. Mein Geschäft litt. Meine Kinder mussten zurückstecken. Meine Ehe auch. Und trotzdem bereue ich nichts. Denn diese Zeit mit meinem Vater war intensiv, nah und ehrlich. Sie war schmerzhaft und kostbar zugleich.
Später klagte er über Rückenbeschwerden. Es waren keine orthopädischen Probleme, sondern Skelettmetastasen. Auch Lunge und Gehirn waren betroffen. Trotzdem durfte er noch drei Monate zu Hause verbringen. Das bedeutete: Putzen, Wäsche, Essen, alles organisieren. Ich verbrachte viel Zeit mit ihm. Auch meine Kinder schenkten ihm schöne Momente. Irgendwann kam abends jedoch der Anruf: „Ich komme nicht mehr hoch.“
Ich brach durch die Terrassentür ein, holte den Notarzt. Sein Zustand war so kritisch, dass er zunächst nicht transportiert werden konnte. Dann kam er direkt in die Palliativversorgung. Und doch war er auf eine stille, eigene Weise dankbar und zufrieden. Vielleicht, weil er spürte, dass wir ihn nicht allein gelassen hatten. Vielleicht, weil wir die Zeit miteinander nicht verschenkt hatten.
Und ich? Ich bin ebenfalls dankbar. Für diese intensive Zeit. Für das, was sie mich gelehrt hat. Für das, was sie mir genommen hat. Für das, was sie mir zurückgegeben hat.
Das ist meine ganz persönliche Geschichte. Und sie ist einer der Gründe, warum ich mich für terisa.life stark mache. Warum ich diese Gründung vorantreibe. Warum ich mich hier mit voller Überzeugung einbringe. Ich weiß, wie es ist, wenn man plötzlich verloren ist. Wenn niemand sagt, was als Nächstes zu tun ist. Und obwohl ich durch meine Zeit im Krankenhaus vorbereitet sein musste, obwohl ich als Bestatter Trauer und Abschied kannte und obwohl ich schon zuvor viel begleitet hatte; ich hätte mir damals Orientierung gewünscht. Unterstützung. Austausch. Einen klaren nächsten Schritt.
Genau das wollen wir mit terisa.life ein Stück weit möglich machen. Nicht alles lässt sich leichter machen. Aber manches lässt sich besser begleiten. Manches lässt sich verständlicher ordnen. Und manchmal reicht genau das, um in einer schweren Zeit nicht ganz den Halt zu verlieren.
„Live bright and light.“ Vielleicht ist das genau der Anspruch: Dem Leben auch dann Würde und Leichtigkeit zu geben, wenn alles schwer wird. Und sei es nur für eine kurze Zeit.

