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in Alltag

Wenn das Leben langsam verschwindet.

Johannes F. Woll
3 Min. Lesezeit
Image by Gerd Altmann from Pixabay
Wenn das Leben langsam verschwindet
4:35


Und Deins gleich mit.

Was du gleich liest, ist keine ausgedachte Geschichte.
Es sind Ausschnitte aus Gesprächen, die wir mit pflegenden Angehörigen führen. Stimmen, die uns nicht mehr loslassen. Und die uns antreiben, terisa.life überhaupt zu bauen. Dies ist die Geschichte von Helen* und ihrer Mutter.

Am Anfang war da nur ein diffuses Gefühl: „Irgendwas stimmt nicht.“
Helen kannte Demenz nur aus der Ferne. Eine Tante mit Alzheimer, das war alles.

Ihre Mutter dagegen war immer stark gewesen. Aktiv. Engagiert. Auch nach dem Tod ihres Mannes: Sie organisierte Ausflüge, Stammtische, Tanzabende. Aktivitäten, die anderen Halt gaben, obwohl sie selbst gerade einen verloren hatte.

Und dann wurde sie irgendwie anders.

Erst wurde sie schärfer im Ton. Aggressiver. Verletzender. Man könnte denken: späte Verbitterung, schlechte Laune, eine dieser unschönen Entwicklungen im Alter. Sie dachte das auch. Und zog sich zurück. Bis der Körper nicht mehr mitspielte. Schwindel. Stürze. Treppen. Platzwunden. Krankenhaus. Wieder nach Hause. Wieder Krankenhaus. Und irgendwann diese eine Erkenntnis, die alles kippt: Sie kann nicht mehr alleine leben.

In dieser Zeit beginnt Helen, jeden Morgen anzurufen. Nur um zu hören, ob ihre Mutter noch ans Telefon geht. Aus Pflicht wurde Routine. Aus Routine wurde Nähe.
„Nach dieser aggressiven Zeit vorher ist wieder ein sehr enges Verhältnis entstanden“, erzählt sie.

Sie fahren zusammen in den Urlaub. Eine Woche. Tags und nachts zusammen. Und die bittere Erkenntnis: Da geht etwas verloren. Langsam, aber unumkehrbar.
Es sind kostbare Tage. Und ein Abschied auf Raten.

Parallel läuft ein anderer Film.
Einer, den man von außen kaum sieht, der aber Angehörige zerreibt.

Die Mutter beschuldigt Helen, Dinge gestohlen zu haben. Immer dieselbe Geschichte, detailreich, absurd. Dinge, die so nie passiert sein können. Jeder Versuch der Aufklärung klingt nach Rechtfertigung. Ein Kampf gegen eine Realität, die für die Mutter absolut echt ist. Und für Helen reine Fiktion.

„Ich bin durch die Hölle gegangen“, sagt sie über diese Phase.

Hölle? Das sind nicht nur die Vorwürfe.
Hölle ist auch: Vollmacht organisieren, Pflegestufen beantragen, Widersprüche schreiben, Heimplätze suchen, Gutachter aushalten, nebenbei Vollzeit arbeiten und Mutter sein.

Alles gleichzeitig. Alles zum ersten Mal. Alles ohne Anleitung.

Heute lebt Helens Mutter in einer Seniorenresidenz mit beschützender demenzieller Abteilung.
Ein Glücksgriff, sagt sie. Ein Haus, das mit Weglauftendenz umgehen kann, in dem Türen schützen, ohne wie Gefängnistüren auszusehen. Und trotzdem beschreibt Helen die Situation der Mutter als „unfassbar unwürdig“.

Eine Frau, die ihr Leben lang anderen Halt gegeben hat, läuft heute den Flur entlang, findet ihr Zimmer nicht, erkennt ihre eigenen Möbel nicht mehr. 

Lebenswert? Für wen?

Für ihre Mutter vielleicht in einzelnen Momenten: Wenn Helen kommt, sie an die Hand nimmt, sie zum Essen abholt, mit ihr lacht. Für Helen, weil sie noch Zeit mit ihr hat. Und doch sagt sie: „Es belastet wesentlich mehr, als es schön ist.“

Das ist Demenz.
Nicht nur ein Krankheitsbild.
Sondern ein System, das ganze Familien mitschluckt.

Was Helen heute am meisten beschäftigt, ist nicht mehr nur die eigene Geschichte.
Es ist die Frage: Wie kann man Menschen erreichen, bevor ihre Hölle beginnt?

Sie hätte sich gewünscht:

  • Jemanden, der sagt: „Achtung, diese Vorwürfe, diese Aggressionen, das können frühe Zeichen von Demenz sein.“

  • Eine Stelle, wo steht: Mach zuerst eine Vollmacht. Hol dir eine Kontovollmacht. Beantrage einen Pflegegrad. Widersprich. Hier sind die Formulare.

  • Eine anonyme Stimme am Telefon, die sagt: „Ich kenne das. Du bist nicht verrückt. Und du bist nicht allein.“

Genau solche Stimmen sammeln wir bei terisa.life. Weil wir glauben, dass niemand alleine herausfinden sollte, wie man durch diese Hölle geht.
Und weil wir überzeugt sind, dass ein würdevolles, lebenswertes Leben mit Demenz mehr ist als ein Pflegegrad und ein freies Bett.

Es beginnt damit, dass jemand zuhört. Und dass Geschichten wie die von Helen nicht länger im Stillen passieren.

*Name geändert.

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